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Die Schweiz ist sehr beliebt

13.02.2013

Frank Schäffler im Interview, Schweizer Freisinn, Nr. 1/2013, S.10/11.

Normalerweise sitzt Frank Schäffler für die deutsche FDP im Bundestag. Doch Ende Januar duellierte er sich in Zürich zum Thema «EU, Marktwirtschaft und das Primat der Politik». Der Schweizer Freisinn sprach mit dem deutschen Politiker über die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland und seine Mitgliederbefragung in der FDP Deutschland zum Euro-Rettungsschirm.

Herr Schäffler, am 28. Januar traten Sie in Zürich an einem Streitgespräch zum Thema «EU, Marktwirtschaft und das Primat der Politik» an. Was ist Ihr persönliches Fazit dieser Veranstaltung?

Die Schweiz ist weniger stark sozialdemokratisiert als Deutschland. Die Marktwirtschaft und Eigentum zählen hier noch was. Das Streitgespräch verlief sehr zivil. Das gefällt mir.

Wie kommt ein deutscher Bundestagsabgeordneter dazu, in der Schweiz ein Streitgespräch zu führen?

Seit einiger Zeit schreibe ich immer wieder einmal für den «Schweizer Monat». Der Herausgeber René Scheu hat das Magazin zu einem der herausragenden Medien des klassischen Liberalismus im deutschsprachigen Raum modern weiterentwickelt. Neulich habe ich im Schweizer Monat etwas über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozialisten und Liberalen bei Lösung der Staats- und Bankschuldenkrise geschrieben. Dr. Scheu sprach mich an, ob ich darüber mit dem jungen Sozialdemokraten Cedric Wermuth diskutieren wolle. Diesen Gedanken fand ich spannend.

Erkennen Sie Unterschiede in der Diskussionskultur an solchen Veranstaltungen zwischen Deutschland und der Schweiz?

Ja, in der Schweiz kann man selbst mit Sozialdemokraten über individuelle Freiheit, Marktwirtschaft und das Recht diskutieren. Das wäre in Deutschland so undenkbar.

Gibt es als deutscher Politiker etwas, worum Sie Ihre Schweizer Kollegen beneiden?

Ja, in der Schweiz nehmen sich Parlament und Regierung nicht so wichtig. Das liegt vielleicht am Milizparlament und an der direkten Demokratie. Der Schweizer Nationalrat repräsentiert viel stärker als der Bundestag die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Bei uns finden sich kaum noch Unternehmer, die die Ochsentour durch die Parteien machen wollen.

2011 erhielten Sie von den Jungfreisinnigen Zürich den Liberal Award, nun traten Sie in Zürich an einer Veranstaltung auf. Fühlen Sie sich der Stadt Zürich besonders verbunden?

Zürich ist eine wunderschöne Stadt, deren Wohlstand man an jeder Ecke merkt. Sie hat stolze Bürger, denen man diese Verbundenheit mit ihrer Stadt ansieht.

Im Jahr 2011 versuchten Sie in der FDP Deutschland, eine Mitgliederbefragung zum Thema EU-Rettungsschirm durchzusetzen. Dies scheiterte jedoch. Was wollten Sie mit der Einführung der Mitgliederbefragung bezwecken?

Mein Ziel war es, die Zustimmung der FDP zum Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM zu verhindern. Am Ende fehlten 2000 Stimmen, das war knapp. Ich bin überzeugt, wenn der Schuldensozialismus in Europa sich nicht dauerhaft einnisten soll, dann müssen überschuldete Banken und Staaten auch insolvent gehen. Die Schweiz hat dies mit der Gemeinde Leukerbad vorgemacht.

Was waren Ihrer Meinung nach die Gründe, weshalb die Mitgliederbefragung scheiterte?

Wir standen gegen den Bundesvorstand, unsere Regierungsmitglieder und die Bundestagsfraktion. Unsere Mitglieder an der Basis haben am
Ende mehrheitlich auf die Parteiführung Rücksicht genommen. Niemandem von uns ist eine Entscheidung leicht gefallen. Der Mitgliederentscheid war daher respektabel für alle Beteiligten. Am Ende bleibt, dass wir der Basis zur Stimme verholfen haben. Daher steht der Mitgliederentscheid für den Erfolg der innerparteilichen Graswurzelbewegung für mehr direkte Demokratie in der FDP. Die FDP ändert gerade ihre Satzung, um noch bürger- und basisnäher zu werden. Das ist schön!

Den Euro-Rettungsschirm, welcher schlussendlich angenommen wurde, lehnten Sie in der Bundestagsabstimmung ab. Warum?

Eine Schuldenkrise kann nicht mit noch mehr Schulden gelöst werden. Mit den Schuldenschirmen werden die letzten Verschuldungsreserven der wenigen besser aufgestellten Staaten der Eurozone nutzbar gemacht. Sie bewirken eine Aushöhlung der Rechtsverbindlichkeit der Europäischen Verträge, des Haftungsprinzips und der Demokratie. Doch die FDP ist die Partei der individuellen Freiheit, der Marktwirtschaft und des Rechts. Alle drei Säulen werden mit den Schuldenschirmen eingerissen.

Hat der Euro eine Zukunft?

Ja, aber nur als atmende Währung. Sehen Sie, im Moment schützt man die geografische Stabilität der Eurozone. Durch Zuckerbrot verhindert man Staatsbankrotte und peitscht aus Brüssel zu fiskalischen Reformen in den Mitgliedsstaaten, um Austritte aus dem Euro zu verhindern. Das bringt – im wahrsten Sinn des Wortes – fatale Anreize mit sich: Schon die politischen Hebel von Maastricht waren wirkungslos. Es gab also einen
Schuss aus Brüssel vor den Bug, um vorbeugend Staatsüberschuldungen zu verhindern. Stattdessen kam die Breitseite der Märkte in Form hoher Zinsforderungen. Sobald die politischen Druckmittel erneut versagen, weil sich keiner an die Vereinbarungen hält, wird es eine neue Breitseite auf die Staaten geben. Jedesmal wird die Frage nach dem geografischen Zusammenhalt der Eurozone erneut gestellt. Irgendwann werden die Euromantiker sie nicht mehr beantworten können. Die Fliehkräfte sind stark. Als Eurorealist begrüsse ich dagegen die Anreize des Marktes und seine Fliehkräfte. Wir brauchen institutionelle Regeln, mit denen wir sie kanalisieren, anstatt sie zu verleugnen. Es muss Austritts- und Ausschlussmöglichkeiten aus dem Euro geben. Wer sich dauerhaft nicht an die Regeln hält, muss als ultima ratio den Club verlassen. Ansonsten werden vertiefte Vergemeinschaftung der Schulden und Bekämpfung der Fliehkräfte mit der Druckerpresse der EZB unausweichlich. Das führt zu Inflation. Inflation bestraft am Ende die Fleissigen. Das ist eine kalte Enteignung derjenigen, die die Gesellschaft zusammenhalten. Das sind die bürgerlichen Wähler. Vor der Erosion der Mitte muss jede liberale Partei Angst haben. Schauen Sie nach Griechenland, wo Rechts- und Linksextremisten enormen Zuspruch haben. Das meine ich, wenn ich von meiner Angst um unsere liberale Demokratie spreche.

Das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland wurde in den letzten Monaten verschiedentlich belastet. Wie erleben Sie die Stimmung in Ihrer Heimat gegenüber der Schweiz?

Nicht alles, was in den Medien berichtet wird, stimmt. Die Schweiz ist sehr beliebt, und der Leistungswille und die Erfolge der Schweiz sind ein Ansporn für uns. Es hat doch einen Grund, dass so viele Deutsche in die Schweiz gehen. Wenn man seine Heimat verlässt, dann doch dahin, wo man sich gut aufgenommen und aufgehoben fühlt. Gibt es ein schöneres Kompliment?

Wie stellen Sie sich persönlich zu den Käufen von Daten-CDs durch deutsche Regierungsmitglieder?

Ich halte dies für völlig indiskutabel im Umgang mit einem Nachbarland. Das ist Beihilfe zur Hehlerei. Ich schäme mich für den Jargon und die benutzte Rhetorik, spätestens beginnend mit Steinbrücks Kavallerie. Das ist für einen befreundeten Nachbarstaat ein wirklich unwürdiges Verhalten.

Wie kann das Verhältnis unserer beider Staaten verbessert werden?

Wir Deutsche müssen bescheidener im Umgang mit der Schweiz werden, während die Schweiz selbstbewusster auftreten darf. Die Schweizer dürfen sich gern daran erinnern, dass sie als freiheitlicher Fixstern ein Vorbild für Deutschland und in Europa sind.

"Plansoll übererfüllt"

01.02.2013

Es gehört zur Rhetorik der Euro-Rettungspolitik, dass bereits alle Talsohlen durchschritten, alle Krisengipfel erklommen und schon Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Früher hieß das: Das Plansoll ist erreicht, wir arbeiten an seiner Übererfüllung.

Ein Vergleich der ursprünglichen Krisenbewältigungsplanung mit der Realität kuriert meist von allzu viel Hoffnung. Ein Beispiel dafür ist Spanien. Noch aus dem letzten Jahr stammt ein Bericht des Rats der Europäischen Union, mit dem die von Spanien ergriffenen Maßnahmen zum Defizitabbau bewertet worden sind. Zur Geschichte: Im April 2009 hat der Rat festgestellt, dass Spanien gegen die Maastrichter Defizitkriterien verstößt und Empfehlungen zur Korrektur ausgesprochen. Im Dezember 2009 stellte der Rat fest, dass wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen worden sind, aber „unerwartete nachteilige wirtschaftliche Ereignisse“ den Planerfolg vereitelten. Daher konstatierte der Rat im Juni 2010, dass die 2009 ergriffenen Gegenmaßnahmen wirksam seien und keine weiteren Schritte erforderlich, um Spaniens „öffentliches Defizit unter den Referenzwert von 3 Prozent des BIP zu senken“. Das Defizit 2009 lag bei 11,2 Prozent des BIP. Mit den Gegenmaßnahmen, denen „Wirksamkeit“ attestiert wurde, konnte Spanien sein Defizit 2010 auf 9,7 Prozent senken. 2011 lag es knapp darunter, bei 9,4 Prozent.

Werfen wir einen Blick auf das Frühjahr 2012. Die Kommission nahm Spanien im Hinblick auf das diskutierte Rettungsprogramm für seinen Finanzsektor unter die Lupe. Das Defizit des Jahres 2012 wurde mit 5,3 Prozent, das für 2013 als auf dem Referenzwert liegend bei 3,0 Prozent und 2014 bei sehr guten 1,1 Prozent prognostiziert. Diese Schätzungen liegen nicht mal ein Jahr zurück. Die Zahlen sind Geschäftsgrundlage für das Bankenrettungsprogramm geworden, dem der Bundestag mit breiter Mehrheit zugestimmt hat. Die Herbstprognose 2012, ein halbes Jahr später, kommt zu erschreckend anderen Werten: einem Defizit von 8,0 Prozent (2012), von 6,0 Prozent (2013) und 6,4 Prozent (2014). Das wirkt sich auf den Schuldenstand Spaniens aus. Statt einer Verschuldung von 81,5 Prozent werden für 2014 nun 97,1 Prozent erwartet. Wohlgemerkt: Der Milliardenkredit des europäischen Schuldenfonds für die Bankenrettung ist noch nicht eingerechnet. Dafür werden bis zu 100 Milliarden Euro bereitgestellt.

Der Bericht der Kommission identifiziert weitere Risiken. In erster Linie kommt es auf das Wirtschaftswachstum an. Wenigstens von den allzu positiven Annahmen für die Zukunft ist der Rat abgerückt und erwartet statt einer Stagnation in 2013 einen Rückgang von 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Doch die Wachstumsprognosen für die Programmländer waren meist zu hoch gegriffen. Problematisch ist, dass die spanische Regierung in ihrem Budget mit einem Wachstumsverlust von lediglich 0,5 Prozent plant. Das ist realitätsfern, wie auch die Hoffnung, dass es eine Trendwende am Arbeitsmarkt gäbe. Die grafische Darstellung der spanischen Arbeitslosigkeit gehört zu den Charts, die einen schwarz sehen lassen.

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Das größte Risiko steckt weiterhin in den spanischen Immobilien und den Krediten, die sie besichern. 30 Milliarden Euro sind aus dem Rettungsfonds ausgekehrt, erwartet wird ein Bedarf von annähernd 60 Milliarden Euro. Entscheidend ist dabei der unübersichtliche Vorgang der Asset-Übertragung. Der spanische Rettungsfonds FROB soll anordnen dürfen, dass eine Bank ihre faulen Kredite an eine Asset Management Company (AMC) zum „real economic value“ übertragen muss. Vereinfacht gesagt besteht die Wahl, ob Verluste aus faulen Krediten sofort bei den übertragenden Kreditinstituten oder später bei der aufnehmenden AMC realisiert werden. Die Versuchung, die Verluste in die Zukunft zu schieben und sich das Leben durch positivere Annahmen über die Preisentwicklung am spanischen Immobilienmarkt kurzfristig einfacher zu machen, dürfte sehr groß sein. Sie ist auch kompatibel mit dem Memorandum of Understanding, das eine langfristige Betrachtung fordert. Es besteht ein Anreiz für die spanischen Banken und den FROB, Assets zu überhöhten Preisen zu übertragen. Die Kosten trägt die europäische Rettungsgemeinschaft, doch ihre Höhe wird erst später sichtbar.

Die EZB legt den Finger in eine andere offene Wunde. In einem gerade veröffentlichten Rechtsgutachten über ein Dekret des spanischen Königs zur Bankenabwicklung warnt sie, dass gescheiterte Kreditinstitute nur dann fortgeführt werden sollten, wenn es ein erhöhtes Risiko grenzüberschreitender Ansteckung gäbe. Anderenfalls müsse abgewickelt werden. Das Dekret müsse klarstellen, dass vor der Rekapitalisierung durch öffentliche Gelder erst die Anteile der Altaktionäre verpflichtend entwertet und alle Möglichkeiten zur Gläubigerbeteiligung ausgeschöpft werden müssten. Das Königreich Spanien scheint sich in die Lage versetzen zu wollen, Banken vorschnell als systemrelevant zu erklären, um eine Abwicklung zu vermeiden. So kann es einzelne Institute am Leben halten, seine Kreditwirtschaft sanieren und die Kosten dem europäischen Rettungsfonds übertragen.

Schließlich schlummert ein enormes Risiko in den Haushalten der Regionen. Die Bewertung des Rates stellt Anzeichen fest, dass „eine Reihe von Regionen ihre Haushaltsziele abermals verfehlen wird“. Gestern hat Katalonien wie zur Bestätigung einen Betrag von 9,1 Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds für Regionen angefordert. Im letzten Jahr hatte es bereits 5,4 Milliarden Euro erhalten. Die spanische Regierung hat dem Rettungsfonds für 2013 ein Budget von 23 Milliarden Euro gegeben, das somit nun bereits im Januar zu 40 Prozent verbraucht ist.

Ein für die zentralismusbegeisterten Rettungseuropäer folgenschweres Problem kommt hinzu: Das katalanische Regionalparlament hat letzte Woche in seiner ersten Sitzung mit 85 zu 41 für ein Referendum über die Unabhängigkeit votiert. Die wirtschaftlich starke Region, die annähernd 20 Prozent zum spanischen BIP beiträgt, klagt über die hohen Zahlungen an den Zentralstaat und ist unzufrieden damit, die ärmeren Regionen finanzieren zu müssen. Wenn schon der spanische Regionalfinanzausgleich Sprengkraft für den spanischen Zentralstaat birgt, so gilt dies für einen europäischen Finanzausgleich mittels einer europäischen Fiskalunion umso stärker. Das werden auch die Rettungseuropäer feststellen, und zwar spätestens dann, wenn die Planziele verfehlt werden. Die wirtschaftliche Realität lässt sich nicht planen.

Freundliche Grüße
Frank Schäffler

Die EU-Bürokraten machen sich trotz Krise die Taschen voll!

31.01.2013 – Stichwörter:

Am Sonntag, den 3. März berichteten sowohl die FAS, die BILD am Sonntag sowie Bild.de über meine schriftlichen Fragen an die Bundesregierung bezüglich der Gehaltsentwicklung bei EU-Beamten. Die Antworten enthalten absurde und gleichzeitig bedenkenswerte Erkenntnisse. Bild.de titelte deshalb: "Mehr Netto als Brutto. Solche Gehälter gibt es nur bei der EU!".

Hier können Sie meine Fragen und die Antworten der Bundesregierung lesen.

Außerdem gelangen Sie hier zu den Artikeln bei Bild.de und in der FAS.

Wechselkurspolitik: Abwälzen von Verantwortung

31.01.2013 – Stichwörter:

Der Eine sagt: 50 kg „gutes“ Fleisch sind besser für Sie als 100 kg „schlechtes Fleisch“. Die Anderen sagen, der Euro sei „irrationalen Bewegungen“ ausgesetzt oder sei „gefährlich hoch“. Besserwisser sind alle drei. Kein Politiker kann besser als Sie entscheiden, was Ihnen schmeckt und wovon Sie sich ernähren wollen. Kein Politiker kann besser entscheiden, wie hoch der Euro stehen sollte und welche Preisentwicklungen irrational sind. Preise sind das Ergebnis eines Vertrages von Käufer und Verkäufer. Wer behauptet ein Preis sei irrational, der unterstellt den Vertragsparteien fehlende Rationalität, also Unvernunft. Unvernünftig wäre es, die Preisfindung in die Hände von Politikern zu legen. Im Gegensatz zu Devisenhändlern haften Politiker nicht mit ihrem Vermögen, wenn sie sich irren.

Die Forderung des französischen Präsidenten Hollande, dass eine „Währungszone eine Wechselkurspolitik haben muss“, ist daher schon deshalb abzulehnen. Hollandes Forderung ist Bewirtschaftung französischer Nationalinteressen. Der inzwischen etwas stabilere Wechselkurs des Euro erschwert Frankreichs Exportwirtschaft das Geschäft. Bliebe der Euro dauerhaft auf diesem Niveau, verschärft sich die französische Misere. Frankreich bekommt weder sein Haushaltsdefizit in den Griff noch setzt es die nötigen Strukturreformen um. Die Maastricht-Kriterien werden verfehlt. Seine Wirtschaft siecht, das Wachstum wird auf 0,4 Prozent in diesem Jahr und magere 1,2 Prozent für 2014 geschätzt. Die Arbeitslosigkeit liegt stabil über 10 Prozent.

Deutschland trägt diesen kranken Mann Europas auf den Armen. Das wird klar, sobald man das Bild der deutschen Wirtschaft voll ausleuchtet. Im hellen Zentrum steht der deutsche Exporterfolg. Viele Waren werden in Deutschland produziert und ins Nicht-Euro-Ausland verkauft. Der simple Zusammenhang ist, dass ein weicherer Euro die Preise dieser Waren sinken lässt. Deutsche Exportwaren wären im Nicht-Euro-Ausland erschwinglicher und konkurrenzfähiger. Die Ausfuhren würden steigen. Ein schwächerer Euro brächte jedoch umgekehrt höhere Einfuhrpreise mit sich. Unbeachtet am Rande des Bildes zeigt sich die Erkenntnis, dass alle Waren, die von außerhalb der Eurozone nach Deutschland importiert werden, teurer eingekauft werden müssen. Das gilt natürlich zunächst für alle Vorprodukte der deutschen Exportindustrie. Rohstoffe kommen ganz überwiegend nicht aus der Eurozone. Besonders wichtig ist der Import von Erdöl und Erdgas. Ein schwacher Euro ist mitverantwortlich für die hohen Energiepreise. Das ist wichtig für Verbraucher. Ein schwacher Euro ist auch bei den Produkten von Bedeutung, die unseren Konsum wesentlich prägen. Bekleidung, Unterhaltungselektronik und Computerprodukte stammen aus Asien. Urlauber wissen, dass diese Produkte in den Vereinigten Staaten und in Asien selbst deutlich preiswerter sind und es sich lohnt, diese mitzubringen. Selbst Nahrungsmittel werden von außerhalb der Eurozone nach Deutschland importiert. Ein stärkerer Euro würde alle Importgüter verbilligen. Den Exporterfolg deutscher und französischer Unternehmen bezahlen die deutschen Verbraucher mit Konsumverzicht.

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Etwas vereinfachend kann man sagen, dass ein schwacher Euro dem Export nutzt, aber dem Konsum schadet. Die so häufig gehörte Klage, Deutschlands Binnennachfrage sei zu schwach, findet eine Ursache im Wechselkursverhältnis. Diverse Studien kommen zu dem Ergebnis, dass unter der Annahme des Austritts aus dem Euroraum eine fiktive deutsche Währung gegenüber dem Rest-Euro aufwerten würde (z.B. Nomura). Nimmt man dies als Maßstab, dann wäre der Euro für Deutschlands Verhältnisse überbewertet. Andererseits kommt so auch der französische Wunsch nach einer Abwertung des Euro zum Ausdruck: Für französische, spanische und italienische Verhältnisse wäre der Euro überbewertet. Deshalb hat Hollande ein Interesse an einem niedrigeren Wechselkurs, um die strukturellen Reformen auf dem französischen Arbeitsmarkt nicht entgegen seiner Wahlversprechen durchsetzen zu müssen.

Doch mit einer Wechselkurspolitik für den Euro könnte man es niemandem Recht machen. Einheitsprodukte werden individuellen Anliegen niemals gerecht. Der eine isst gern viel Fleisch und verzichtet dafür auf Qualität, der andere macht es umgekehrt. Beim Euro ist es nicht anders. Eine einheitliche Wechselkurspolitik der EZB kann niemals allen nationalen Interessen Rechnung tragen. Eine einheitliche Währung für einen uneinheitlichen Wirtschaftsraum birgt innere Fliehkräfte und verlangt die Anpassung ihrer Mitglieder an ihr starres Korsett. Doch der Wille, sich in dieses Korsett zu zwängen, schwindet.

Nicht erst das jüngst von Hollande im nationalen Interesse geäußerte Ansinnen einer Wechselkurspolitik zeigt, dass der Wille zur eigenverantwortlichen Anpassung an das Euro-Korsett schwächer wird. Inzwischen ist die Geldpolitik im Eurosystem zum Vehikel fiskalischer Interessen geworden. Die Liste der ungewöhnlichen Maßnahmen der EZB ist lang, viel zu lang. Am bedeutendsten ist der unbegrenzte Ankauf von Staatsanleihen, beschlossen am 6. September 2012. Die fiskalische Dominanz über die Geldpolitik ist Realität. Eine gute Politik wäre es, den Zentralbanken die Last der Eurorettung zu nehmen. Dazu müsste die Politik Verantwortung übernehmen. Die Einschnitte in die Ausgaben müssten europaweit größer werden. Weil dies unpopulär beim Wähler ist, besteht ein Anreiz fiskalische Anpassungslasten aufzuschieben. Die Lücke wird von den Zentralbanken gefüllt. Diese sind bei der Ausführung ihres Auftrags demokratisch nicht kontrolliert. Die Zentralbanken werden so zu einem neuen Machtzentrum, zu einem Staat im Staat. Der Ruf nach einer Wechselkurspolitik für den Euro ist ein weiterer Schritt dorthin.

Freundliche Grüße
Frank Schäffler

Tausend Blumen

25.01.2013 – Stichwörter:

David Cameron hat seine erwartete Europa-Rede gehalten. Dem folgte eine zweite Rede beim Gipfel in Davos. Beide Reden müssen im Zusammenhang gesehen und gelesen werden. Es geht um die Positionierung des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union und die Gestalt einer zukünftigen Europäischen Union. Die unterschiedliche Auffassung Großbritanniens von dieser Gestalt lässt sich auf einen einfachen Punkt konkretisieren: Für Premier Cameron ist die EU ein Mittel zum Zweck, während sie für die maßgeblichen Festlandpolitiker zum Selbstzweck geworden ist.

So wird hierzulande beispielsweise romantisch überhöhend, vielleicht sogar geschichtsvergessend, von Europa als „Schicksalsgemeinschaft“ gesprochen. Oder – ein anderes Beispiel – es wird betont, dass die europäische Einigung den mit Abstand fortschrittlichsten Ansatz für Regierungsstrukturen bildet. Die Regelungsmacht der EU-Institutionen steht im Vordergrund, nicht Prosperität und Freiheit der Bürger.

Für die Briten ist der Zweck der EU ein anderer. Es geht bei Cameron ganz und gar nicht romantisch zu, sondern nüchtern um die Sicherung des Wohlstands als Grundlage für unsere offene Gesellschaft. Dies unterfüttert er mit einer tragfähigen Theorie, wie dieser Wohlstand zustande kommt, nämlich durch Wettbewerbsfähigkeit, Flexibilität und Diversität, Wiederbelebung der Subsidiarität durch Rückfluss von Kompetenzen an die Mitgliedsstaaten, demokratische Rechenschaftspflichtigkeit und schließlich Fairness zwischen den Staaten innerhalb und außerhalb der Eurozone.

Diese Prinzipien überlappen sehr stark mit den Prinzipien, an die wir Liberale glauben. Daher ist es ein Fehler, Cameron zu unterstellen, es ginge ihm um ein besseres Geschäft und den puren Vorteil für Großbritannien. Man sollte nicht in Unkenntnis übersehen, dass Nationalismus und Dezentralismus kategorisch verschiedene Konzepte sind. Ich teile die Ansicht von Cameron, dass eine Trendumkehr nötig ist. Statt europäischem Zentralismus brauchen wir einen Wiederaufbau der Europäischen Union von unten, von den Bürgern her. Die Mittel sind Dezentralität und Subsidiarität. Dies nutzt nicht nur Großbritannien, sondern allen Bürgern in den Mitgliedsstaaten der EU.

Während unser Bundesfinanzminister eine „wachsende Bürokratisierung“ der EU als „Preis, den wir für diese Entwicklung bezahlen“ billigend in Kauf nimmt, betont Cameron die Gefahren und Probleme exzessiver Regulierung. Mehr vom gleichen werde keinen Vorteil bringen, sondern die ökonomische Misere befördern. Er hat Recht. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit von annähernd 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und die erschreckend schnell wachsenden Zahlen in fast allen lateineuropäischen Ländern können wir nur mit Flexibilität im Arbeitsrecht beseitigen, nicht mit der europaweit bevorzugten festeren Strangulierung der Arbeitsmärkte. Regulierung, Bürokratisierung und Entdemokratisierung entfernen die Bürger weiter von der EU. Darin sehe ich wie Premierminister Cameron drohende Gefahren für den Status der EU als Friedens- und Wohlstandsprojekt.

Das Cameronsche Rezept liegt auf dem Tisch und ist uns als wirksam wohlbekannt. Wenn sich Cameron nicht durchsetzt, werden die festlandeuropäischen Entscheider an ihrem Kurs festhalten. Im Zentrum ihres Bemühens steht der seit Gründung der Eurozone zweite (in meinen Augen untaugliche) Versuch, die Euro-Finanzmärkte zu integrieren. Diesem übergeordneten Interesse werden die von Cameron angeführten Prinzipien der Dezentralität untergeordnet. Die fortgesetzte (Re-)Integration der Eurozone wird den Konflikt mit den Briten um eine akzeptable Gestalt der Europäischen Union weiter befeuern. Denn die elitengetriebene zunehmende Unifizierung, Zentralisierung und Standardisierung der Eurozone strahlt negativ auf die Nicht-Euro-EU aus. Es besteht die begründete Aussicht, dass das Vereinigte Königreich diese Entwicklung nicht mittragen wird. Schaut man über den Kanal – der sich, wie Cameron ausführt, nicht trocken legen lässt – so sind sich dort Eliten und Regierte in diesem Punkt einig. Das angekündigte britische Referendum über den Verbleib in der EU wird entsprechend ausfallen.

Das Königreich Großbritannien wird dann den Status der Schweiz, von Liechtenstein oder Norwegen haben; vielleicht wird auch die EFTA als Freihandelszone neu erblühen. Damit würde für Deutschland ein wichtiges Korrektiv in den Gremien der EU fehlen. Nur zu oft waren die Briten der Bad Cop in den Verhandlungen über die Weiterentwicklung der EU. Jüngst konnte sich Deutschland darauf verlassen, dass eine ungebührliche Ausweitung des Budgets der Kommission am Veto der Briten scheitern würde. Deutschland konnte sich einigermaßen zurücklehnen und in seiner Rolle als integrationsstiftendes und integrationstreibendes Mitglied gefallen, während es von der haushalterischen Wächtervernunft der Briten als Trittbrettfahrer profitierte. Deutschland wird diese Rolle bei einem Ausfall der Briten wegen diplomatischer Schwierigkeiten nur schwer selbst spielen können. Eine Achsenverschiebung der EU in Richtung der lateineuropäischen Staaten ist daher vorgezeichnet. Die Gestaltung der Eurozone wird sich dann nicht mehr nach Kerneuropa richten, sondern nach den Interessen ihres Randes.

Ich finde es bedenklich nicht nur für Deutschland, sondern für alle Mitgliedstaaten der Union, dass der Zentralismus ein race to the bottom auslösen wird. Die Zentralbank wird italienisch, unsere Politik griechisch, die Immobilienmärkte spanisch, die Banken irisch und die Arbeitsmärkte französisch. Besser wäre es, Camerons Wunsch entsprechend, den Wettbewerb der Regionen und Staaten wieder anzufachen. Statt des Europas der Einfalt brauchen wir das Europa der Vielfalt. In ihm sollen tausend Blumen blühen.

Freundliche Grüße
Frank Schäffler

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