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Rede anlässlich der Änderung des zweiten Anpassungsprogramms für Griechenland

30.11.2012 – Stichwörter:

Herr Präsident!
Bei der Frage, die wir heute diskutieren, geht es auch um die Situation Griechenlands; das ist ganz klar. Es ist sehr einschneidend, was in Griechenland passiert. Es geht aber aus meiner Sicht um viel mehr. Es geht um die Frage: Welches Europa wollen wir?

Der heutige Finanzminister hat 1996 ein Buch geschrieben mit dem Titel „Und der Zukunft zugewandt“. Zur Rolle Deutschlands in Europa hat er formuliert: „Wir müssen uns davor hüten, als Besserwisser und Moralerzieher aufzutreten.“ Ich glaube, genau um dieses Spannungsfeld geht es. Es stellt sich jetzt die Frage in Europa: Welches Europa wollen wir? Wollen wir ein Europa der 17? Wollen wir ein Europa der 27? Oder wollen wir ein Europa der 50? Das ist die Frage, um die es jetzt geht.

Das Europa der 17 führt am Ende, wie die aktuelle Entwicklung zeigt, dazu, dass es sich abschottet, dass es einen eigenen Weg geht, dass es die anderen am Katzentisch sitzen lässt. Das ist ein anderes Europa als das Europa, das die Gründungsväter nach dem Krieg aufgebaut haben.
Wir erleben in Europa, dass einige Länder schon nicht mehr dabei sind oder an den Katzentisch gedrängt werden. Schauen Sie sich England an. England zieht sich sukzessive aus dem Integrationsprozess in Europa zurück. Die Schweiz liegt mitten in Europa und ist ein Beispiel für ein föderales Europa. Tschechien und Polen gehören ebenfalls zu Europa. Sie sind Teil unserer langen Geschichte. Es sind viele Länder in Europa, die nicht am Euro partizipieren und beim Euro nicht mitmachen. Dies alles belegt, um welche Kernfrage es geht, nämlich um die Frage: Welches Europa wollen wir?

An dieser Stelle möchte ich noch einmal den Finanzminister zitieren. Der Finanzminister hat in seinem Buch Lord Ralf Dahrendorf zitiert:
Kein zentralistisches, sondern ein föderal aufgebautes Europa, organisiert nach dem Prinzip der Vielfalt, wird das Europa der Zukunft sein.
Genau um diese Frage geht es. Ich glaube, Europa hat nur dann eine Zukunft, wenn es föderal und vielfältig aufgebaut wird und wenn es sich nicht auf wenige Staaten konzentriert, die ein anderes Europa wollen als der Rest.

Vielen Dank.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)

Rede auf Youtube

Ausführungen zu der Änderung des zweiten Anpassungsprogramms für Griechenland

30.11.2012 – Stichwörter:

Wir werden heute gefragt, den Änderungen des zweiten Anpassungsprogramms für Griechenland zuzustimmen, damit die nächste Tranche in Höhe von 43,7 Milliarden Euro bereitgestellt werden kann. Das Budgetrecht ist unser Königsrecht. Ausgaben haben wir dem Steuerzahler gegenüber zu verantworten. Etwas zu verantworten bedeutet, Antworten geben zu können und die Fragen zu kennen.

Wird der Steuerzahler ungeschoren davonkommen? Die Verschleppung der Reformen hat zu einem höheren Finanzierungsbedarf geführt. Dieser wird unter anderem über drei verschiedene Maßnahmen gedeckt, die jeweils eine Beteiligung der Zentralbanken des Eurosystems voraussetzen. Erstens hat die Europäische Zentralbank Griechenland erlaubt, einen größeren Teil seiner Staatsfinanzierung über Schatzwechsel (T-Bills) zu finanzieren. Diese kurzfristigen Anleihen sind so gut wie Geld und erhöhen unmittelbar die Geldmenge, bewirken also inflationäre Effekte. Zweitens haben Zentralbanken des Eurosystems einem Rollover von griechischen Staatsanleihen in ihren Beständen zugestimmt. Das bedeutet, dass sie die Erlöse aus fällig werdenden Anleihen in ihrem Bestand in neu aufgelegte Anleihen Griechenlands reinvestieren werden. Diese Maßnahme ist direkte monetäre Staatsfinanzierung, die verboten ist. Drittens werden erstmals Mittel aus dem Bundeshaushalt direkt an den griechischen Staat überwiesen, die der Höhe nach dem Gewinn der Bundesbank aus dem Erwerb von griechischen Anleihen im Rahmen des früheren Aufkaufprogramms „SMP“ entsprechen. Es geht um einen Barbetrag von annähernd drei Milliarden Euro. Diese Milliarden werden kassenwirksam.

Was haben die Griechen von den Hilfsmilliarden? Zur Auszahlung vorgesehen sind 43,7 Milliarden Euro. Doch nur 10,6 Milliarden Euro davon sind für den Defizitausgleich des griechischen Budgets gedacht. Dagegen sind 23,8 Milliarden für die Abwicklung und Rekapitalisierung des griechischen Bankwesens vorgesehen. Gerettet wird nicht die griechische Bevölkerung. Wer der Hilfe zustimmt, der kann dies also nicht mit seiner Solidarität begründen – für die man überdies auch noch die Steuerbürger bezahlen lässt.

Es geht vielmehr um Griechenlands Bankensektor. Leider soll erst gegen Ende April 2013 feststehen, wie hoch das jeweilige individuelle Kapitalbedürfnis der griechischen Banken ist. Allerdings wird der griechische Bankenstabilisierungsfonds bereits vorher, nämlich schon im Dezember 2012, gegenüber vier „besonders wichtigen“ Banken eine Selbstverpflichtung abgeben, jedes spätere Kapitalbedürfnis dieser vier Banken zu befriedigen. Da jedes Loch in der Kapitaldecke dieser Banken unbedingt gestopft werden soll, entstehen hier Fehlanreize zur Verlagerung von Bankrisiken auf den europäischen Steuerzahler. Überdies werden diese vier „besonders wichtigen“ Banken gerettet, obwohl die EBA in ihrem Stresstest nur zwei griechische Banken als systemrelevant erkannt hat. Es ist überhaupt unklar, warum diese vier „besonders wichtigen“ statt der zwei bekannten systemrelevanten griechischen Banken gerettet werden sollen.

Wem nutzt dies? Die Gläubiger dieser „besonders wichtigen“ Banken profitieren am meisten von unseren Überweisungen. Wir kennen nicht einmal ihre Namen. Die so genannte Griechenland-Hilfe dient nicht Europa oder Griechenland, sondern ist und bleibt eine Subventionsmaschine für Griechenlands Gläubiger und die Gläubiger seiner Banken. Bemerkenswert: Erst jetzt kommt man auf die Idee, verbliebene Nachranggläubiger der griechischen Banken an deren Sanierung durch Bail-in zu beteiligen. Dies bringt 600 Millionen Euro. Es stellt sich die Frage, wie viele zusätzliche Milliarden Bail-in-Kapital zur Verfügung gestanden hätten, wenn man diese Maßnahme zu Beginn und nicht erst im dritten Jahr der griechischen Insolvenzverschleppung verlangt hätte.

Werden wir uns heute das letzte Mal mit dem Anpassungsprogramm für Griechenland befassen?

Erstens werden die Mittel für die griechische Bankenrettung wegen der Fehlanreize nicht ausreichen. Wer heute zustimmt, der legt die Grundlage für die spätere Abforderung weiteren Sanierungskapitals für die griechischen Banken.

Zweitens erwartet die Troika bis 2016 trotz der inzwischen vorgenommenen Abstriche immer noch Privatisierungserlöse in einer Höhe von phantasievollen 22 Milliarden Euro. Jeden fehlenden Privatisierungseuro muss der europäische Steuerzahler später ausgleichen.

Drittens haben die Euro-Staaten weitere Eventualmaßnahmen vereinbart. Sie sollen die Schulden Griechenlands um fast 8 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts reduzieren. Nach heutigen Verhältnissen entspricht dies weiteren 16 Milliarden Euro. Wie diese versprochenen Maßnahmen konkret aussehen sollen, bleibt uns indes unbekannt. Doch nur mit ihnen kann überhaupt 2020 der in Aussicht gestellte Schuldenstand von 124 Prozent und 2022 von 110 Prozent erreicht werden.

Viertens kommen weitere Milliarden wegen der zehnjährigen Stundung der Zinsen auf die EFSF-Kredite dazu. Die gestundeten Zinsen sind nicht mehr fällig und senken dadurch den Schuldenstand, weil nicht fällige Forderungen auf diesen nicht angerechnet werden müssen. Die gestundeten Zinsforderungen verzinsen sich allerdings während der 10 Jahre dauernden Stundungsphase! Diese Milliardenforderung wird die EFSF im Jahr 2023 fällig stellen. Dann wird sie die Staatsschuld erhöhen. Allein in der Hälfte des Zeitraums der Stundung von 2012 bis 2016 geht es um 13,6 Milliarden Euro. Man kann also realistisch mindestens mit der doppelten Summe gestundeter Schulden rechnen. Diesen Betrag muss man ab 2023 der griechischen Staatsschuld hinzurechnen. Die Angabe, im Jahr 2022 rechne man mit einem tragfähigen Schuldenstand Griechenlands von 110 Prozent, trifft ab 2023 nicht mehr zu.

Fünftens klafft trotz aller Maßnahmen immer noch eine aus der Streckung des Programms resultierende Finanzierungslücke von fast 4 Milliarden Euro in den Jahren 2015 und 2016.

Manche Fragen sind gestellt, einige Antworten liegen vor. Aus Verantwortung für das Budget, die Steuerzahler und auch für die griechische Bevölkerung ist festzuhalten: Es ist klar, dass heute erneut die Gläubiger von Banken und Staaten auf Kosten der Allgemeinheit gerettet werden. Es ist klar, dass diese Anpassung des Programms keine Lösung der griechischen Schuldenmisere bedeutet. Es ist klar, dass die Zahlen geschönt und geglättet wurden. Es ist klar, dass bald wieder Mittel für Griechenland in einem hohen zweistelligen Milliardenbetrag fehlen werden. Es ist klar, dass der Bundestag nochmals über Griechenland verhandeln wird. Es ist vor allem klar, dass der eingeschlagene Weg gescheitert ist.

Die uns zur Entscheidung gegebene Anpassung des Programms verschleiert und verschleppt in Wahrheit die seit 2010 anhaltende Insolvenz Griechenlands. Dazu senkt und stundet man die Zinsen, verschiebt Fälligkeiten, verzichtet auf Avalgebühren, beteiligt die Privatgläubiger durch einen Schuldenrückkauf und prolongiert die laufenden Kredite der Zentralbanken. Im Ergebnis bedeutet dies einen zweiten Schuldenschnitt mittels einer Restrukturierung der Staatsschulden Griechenlands. Fände diese Schuldenrestrukturierung nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone statt, wären die Maßnahmen als erster Schritt zur Rückkehr in die Normalität und Stabilität zu begrüßen. Für ein Griechenland Innerhalb des Euroraums sind sie nicht mehr als Flickschusterei.

Berlin, den 30.November 2012

Frank Schäffler

Auch zu lesen bei Handelsblatt Online

Euro-Stabilität durch konkurrierende Privatwährungen

29.11.2012 – Stichwörter:

FRANK SCHÄFFLER und NORBERT F. TOFALL

LI-PAPER. Der Wettbewerb zwischen staatlichen Währungen ist nicht ausgeprägt genug, um Geld- und Zinsmanipulationen wirksam zu verhindern.

Die derzeitige Euro-Rettungspolitik der europäischen Staats- und Regierungschefs und der EZB folgt dem zentralverwaltungswirtschaftlichen Typ. Die heutige Geld- und Währungsordnung dient als Werkzeug zur Durchsetzung eines europäischen Superstaates, mit dem sich die Staats- und Regierungschefs zum Zwecke der eigenen Machterweiterung noch weiter von ihren Parlamenten und Bevölkerungen emanzipieren können. Dass dadurch nicht der Euro gerettet und stabilisiert, sondern weiter zerstört wird, spielt für sie keine Rolle. Die Sicherung und Ausweitung der eigenen Macht — Primat der Politik genannt — ist für diese Menschen alternativlos. Deshalb sind Recht und Freiheit in Europa ernsthaft gefährdet. Aber ohne einen Primat von Recht und Freiheit in Europa wird es keinen stabilen Euro geben. Denn was hilft es, neue, angeblich bessere und striktere Regeln für die Euro-Stabilität aufzustellen, wenn sich unsere europäischen Regierungen und die EZB bereits an die gültigen Regeln nicht halten, sich sogar zum kollektiven Rechtsbruch der Europäischen Verträge verabredet haben? Unsere derzeitigen europäischen Regierungen und die EZB werden jede geschriebene Regel, die Recht und Freiheit sichern könnte, brechen, solange sie dadurch ihre eigene Macht erhalten oder ausweiten können. Ein Primat von Recht und Freiheit lässt sich deshalb nur durch konse¬quente Machtteilung, durch Macht und Gegenmacht durchsetzen, nicht durch Machtkonzentration.

Wer den Euro stabilisieren will, muss deshalb den Weg der konsequenten Machtteilung gehen und das staatliche Geldmonopol abschaffen, so dass dem Euro eine ihn stabilisierende Konkurrenz durch Privatwährungen erwachsen kann. Den Regierungen und der EZB müssen die Möglichkeiten zur Manipulation des Geldes beschränkt werden und zwar durch Wettbewerb von konkurrierenden Privatwährungen.

Link zum LI-PAPER (10 Seiten, PDF)

Warum funktioniert die Währungsunion nicht?

28.11.2012 – Stichwörter:

Warum funktioniert die Währungsunion in Europa nicht? Sind es die unzulänglichen Regeln, sind es die ökonomischen Ungleichgewichte oder ist es die Aufweichung der Maastricht-Kriterien? Dies alles sind sicherlich wichtige Voraussetzungen für einen Währungsraum, ausreichend sind sie jedoch nicht. Wichtig ist vor allem, dass die Länder des Währungsclubs durch gemeinsame Werte geeint sind und diese Werte leben. An dieser Homogenität mangelt es. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen.
Die Schweiz gilt als einer der freiesten und erfolgreichsten Staaten der Welt. Es gibt keine Arbeitslosigkeit, ihre Bürger haben im Schnitt eines der höchsten pro Kopf-Einkommen der Welt, die öffentliche Verschuldung ist niedrig und das Land erzielt satte Leistungsbilanzüberschüsse. Für diesen Erfolg gibt es in unserem südlichen Nachbarland keine natürlichen Voraussetzungen. Die Berge sind hoch, die Täler tief, die Böden karg, Rohstoffe sind kaum vorhanden und gefühlt ist das ganze Land die Hälfte des Jahres im Schnee versunken.
Doch gerade diese mangelnden natürlichen Voraussetzungen sind es, die die Bürger und damit das Land so erfolgreich gemacht haben. Sie mussten sich mehr anstrengen als andere. Es war viel schwieriger etwas herzustellen und zu erwirtschaften, Handel zu treiben und sich auszutauschen. Straßen und Schienen mussten über hohe Brücken gebaut oder durch lange Tunnel gegraben werden. Das ist mühsam und teuer. Investitionen mussten daher sorgsam und intensiv geprüft werden. Auch der Wettbewerbsföderalismus ist Ergebnis dieser Entwicklung. Die natürlichen Voraussetzungen zwangen die Menschen sich selbst zu helfen. Nur was man nicht selbst oder in der Nachbarschaft regeln konnte, wurde in der Gemeinschaft des Dorfes oder der Stadt umgesetzt. Die Hauptstadt Bern war weit weg und nur mühevoll zu erreichen. Daraus bildete sich eine gemeinsame Kultur, die sich auf gemeinsame Werte stützt. Die Werte tragen heute noch, darauf baut das Erfolgsmodell Schweiz.
Das andere Beispiel ist Griechenland. Rund vier Jahrhunderte war Griechenland Teil des Osmanischen Reiches und wurde vom Bosporus aus vom dortigen Sultan beherrscht. Zentralismus, Korruption und Vetternwirtschaft waren die Folge. Dieser Staat hat die Menschen über Generationen bis heute geprägt, sie vertrauen ihm ganz zu Recht nicht. Die andere griechische Tradition ist darunter verschüttet. Sie kann wieder zum Vorschein kommen, doch ein Kulturwandel braucht Zeit.
Deshalb waren die drei Jahre viel zu kurz, die man dem griechischen Staat im Frühjahr 2010 geben wollte, um sich zu sanieren. Es war ein ganz absurder Irrglaube, dass man die Hellenische Republik für drei Jahre mit dem "1. Griechenland-Rettungspaket" vom Kapitalmarkt nehmen und zwischenzeitlich im Schnelldurchlauf Reformen durchführen könne, damit Griechenland sich ab 2013 wieder allein finanziert. Das zeigte schon das 2. Griechenlandpaket im Februar 2012, das den Sanierungsprozess bis 2020 verlängert hat.
Jetzt stellt sich heraus, dass das auch nicht klappt. Vielleicht sollten sich die Retter an der Lateinischen Münzunion zwischen Frankreich, Belgien, Italien und Schweiz orientieren. Diese galt von 1865 an fast 50 Jahre. Griechenland trat 3 Jahre später bei und wurde 1908 vorzeitig wegen Vertragsbruch ausgeschlossen. Das war der Anfang vom Ende der Lateinischen Münzunion. Währungsunionen zerbrechen an ihren inneren Fliehkräften. Da soll noch einer sagen, Geschichte wiederhole sich nicht.

2012_11_12 ef-Kolumne - Warum funktioniert die Währungsunion in Europa nicht.pdf - 90.06 KB

„Der Bundestag und alle Deutschen werden getäuscht“

28.11.2012 – Stichwörter:

Interview in der Passauer Neuen Presse, 28.11.2012

Die Eurogruppe breche ihre eigenen Regeln, kritisiert der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler. Die neuen Hilfen für Griechenland finanziere nun der Steuerzahler.
Interview: Andreas Herholz

Der Bundestag soll das Paket schnell beschließen. Ist das der richtige Weg aus der Krise?
Frank Schäffler: Jetzt werden alle roten Linien überschritten. Das ist faktisch ein drittes Hilfspaket. Ich werde dem nicht zustimmen. Es wird völlig klar, dass die Griechenland-Hilfe staatlich finanziert wird. Das bedeutet, dass die Steuerzahler nun dafür aufkommen
müssen. Die Eurogruppe bricht jetzt ihre selbstgegebenen Regeln, dass Griechenland bis zum Jahr 2020 die Verschuldung auf 120,5 Prozent reduziert haben muss. Dieses Ziel wird auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben.

Der Ruf nach einem weiteren Schuldenschnittwird lauter.
Schäffler: Alles, was man im Frühjahr festgelegt hat, ist jetzt Makulatur. Hier werden der Bundestag und alle Deutschen getäuscht. Schon beim ersten Schuldenschnitt sind die Zahlen schöngerechnet worden. Die Lage Griechenlands ist heute viel schlimmer als erwartet. Die Zahlen, die jetzt aufgeschrieben werden, stimmen sicher auch nicht. Griechenland hat im Euro keine Chance, Investoren zu finden. Hier findet eine Insolvenzverschleppung statt, um die Eurozone um jeden Preis so zusammenzuhalten.

Aus den Bundestagsfraktionen kommt Kritik wegen des schnellen Verfahrens.
Schäffler: Dieses Eilverfahren hat nichts mit einer seriösen Prüfung zu tun. So ist es leider seit Beginn der Finanzkrise immer gelaufen. Die Abgeordneten haben immer relativ viel Papier und extrem wenig Zeit bekommen. Eine sorgfältige Prüfung ist da nicht möglich. Die Zahlen, die jetzt vorgelegt werden, sind getrickst. Jetzt wird alles Geld zusammengekratzt: Die Zinsen werden gesenkt und gestundet. Die Bundesbank wird genötigt, Gewinne auszuschütten. Wenn man die Bundesbank zwingt, ihre Gewinnverwendung nach tagespolitischer Opportunität zu gestalten, geht man an ihre Unabhängigkeit heran.

Und wenn sich die Bundesbank weigert,den Gewinn auszuschütten?
Schäffler: Die Bundesbank kann im Rahmen ihrer Unabhängigkeit darauf pochen, keine Gewinne auszuschütten. Dann werden die Griechenlandkosten netto kassenwirksam. Das bedeutet, das Geld muss aus dem Bundeshaushalt 2013 finanziert werden, und der Steuerzahler wird zur Kasse gebeten. Das werden im Laufe der Jahre rund drei Milliarden Euro sein, die an anderer Stelle fehlen.

Reicht dieses Paket, um Griechenland zu stabilisieren?
Schäffler: Griechenland wird auch mit diesem dritten Rettungspaket nicht zu retten sein. Der Schuldenstand Griechenlands
ist im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt höher als vor dem ersten Schuldenschnitt im Frühjahr. Das hat überhaupt nichts gebracht. Jeder weitere Schuldenschnitt würde jetzt den Steuerzahler unmittelbar belasten.

Wäre ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro nicht viel folgenschwerer und teurer als die Milliardenhilfe?
Schäffler: Diese Ansicht teile ich nicht. Wäre Griechenland im Mai 2010 aus der Euro-Zone ausgetreten, hätten wir nicht diese Risiken gehabt und nur die eine oder andere Bank stützen müssen. Das wäre der bessere Weg für Griechenland und die Euro-Zone gewesen. Jetzt stützen wir alle Banken und tragen dazu bei, dass Spekulanten mit der Krise weiter Gewinne machen können. Das jetzt geplante Schuldenrückkaufprogrammbelohnt diejenigen Investoren, die darauf gesetzt haben.

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