Orwellsche EU06.06.2011 – 7 KommentareDie EU macht Rechtsbrüche vergessen, indem sie das Recht umschreibt. Sie lässt die Verschuldungskrise verschwinden, indem sie die Spekulanten dafür verantwortlich macht. Und sie macht den EU-Bürgern weis, dass mehr Zentralisierung deren Freiheiten erweitert. Gedanken zur EU auf dem Weg in die Planwirtschaft.
Die kollektiven Rechtsbrüche des Art. 125 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) durch den Bailout Griechenlands, Irlands und Portugals und die Einrichtung eines Euro-Rettungsfonds sollen durch eine «einfache Vertragsänderung» und eine neue Stufe des europäischen Zentralismus nachträglich legitimiert werden. Das Vorgehen entbehrt nicht einer gewissen Folgerichtigkeit: die gemeinsam vereinbarten Regeln des Stabilitätspaktes in Europa, die bislang von den meisten Mitgliedsländern ohnehin nicht eingehalten und von der EU-Kommission nicht durchgesetzt wurden (Obergrenze der Schuldenquote und der Neuverschuldung), sollen durch neue Regeln zur Konsolidierung der Staatsfinanzen und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit ersetzt werden. Anschliessend wird sich vermutlich auch wieder kein Staat verpflichtet fühlen, diese neuen Regeln zu beachten. Wenn mit der Überschuldung eines Landes angeblich der Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems droht, wie die Befürworter der Rettungsmassnahmen argumentieren, dann bedarf es einer Intervention von ganz oben. So wird den Zahlern selbst im Falle mangelnder Reformbereitschaft des Empfängerlandes die Möglichkeit genommen, mit einem Zahlungsstopp zu drohen. Dies bedeutet konkret, dass die Steuerzahler produktiver Volkswirtschaften wie Deutschland die Steuerzahler unproduktiver Volkswirtschaften wie Portugal oder Spanien quersubventionieren – und damit die Anreize der Regierungen von Portugal und Spanien zementieren, mit ihrer Schulden- und Hochsteuerpolitik fortzufahren. Die Vertragsänderung mag aus deutscher Sicht zwar verfassungsrechtlich notwendig sein, um den rechtswidrigen Bailout im nachhinein zu rechtfertigen und der Bundesregierung eine Blamage vor dem Bundesverfassungs-gericht zu ersparen. Nichtsdestotrotz hebeln die neuen Regeln die No-Bailout-Klausel in Artikel 125 AEUV aus; denn der neue Rettungsmechanismus mit geplanten 500 Milliarden Euro Volumen dient nur dem einen Zweck: die Zahlungsfähigkeit überschuldeter Euro-Staaten zu sichern. Die Regierenden wollen durch mehr wirtschaftliche Zentralisierung verhindern, dass die Bürger die Konsequenzen aus der fatalen Finanz-, Haushalts- und Geldpolitik der Regierungen ziehen und Reissaus nehmen. Nicht der innereuropäische Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, als Entmachtungsinstrument und als faktische Schuldengrenze, sondern die Allmacht und das Wissen von Bürokraten sollen nunmehr den «Grad der Wettbewerbsfähigkeit» einzelner Länder bestimmen. Monetäre Planwirtschaft Die angestrebte monetäre Planwirtschaft wird von den Staats- und Regierungschefs natürlich nicht beim Namen genannt. Stattdessen ist verschleiernd von Koordinierung der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik und einem europäischen Ordnungsrahmen die Rede. Ein Ordnungsrahmen ist im Sinne der Väter der sozialen Marktwirtschaft, die als Ordnungsmodell auch den Römischen Verträgen zugrunde liegt, aber nur dann ein Ordnungsrahmen, wenn er mehr Freiheit für die einzelnen Bürger ermöglicht. «Alles spitzt sich damit auf die Frage zu [so Walter Eucken]: Welche Ordnungsformen gewähren Freiheit?» Eucken schreibt weiter: «Die Politik der Wettbewerbsordnung löst das Problem in folgender Weise: Sie verringert wirtschaftliche Macht durch Aufspaltung. Und zwar werden die Sphären des alltäglichen Wirtschaftens und des politisch-staatlichen Handelns möglichst getrennt. Dies ist eine Methode. Die andere, die zugleich angewandt wird: Innerhalb der wirtschaftlichen Sphäre erfolgt mit Ingangsetzung der Konkurrenz eine Dekonzentration, die es verhindert, dass Machtpositionen bleiben oder sich neu bilden... In einer Wirtschaftsordnung des zentralverwaltungswirtschaftlichen Typs kehrt sich das Verhältnis um: die Wirtschaftsordnung ist ein Werkzeug zur Durchsetzung von Macht.» Die derzeitige Politik unserer EU-Staats- und -Regierungschefs und der EU-Kommission ist nun freilich kein Ordnungsrahmen zur Aufspaltung von Macht, sondern ein Werkzeug zur Durchsetzung von Macht. Man folgt der zentralverwaltungswirtschaftlichen Logik und nicht der Logik der Wettbewerbsordnung. Die Einführung von planwirtschaftlichen Elementen als Ordnungsrahmen zu bezeichnen, erinnert deshalb wiederum an die Sprachregelungen im Roman «1984» von George Orwell. Auf der weissen Front des Wahrheitsministeriums steht der Satz: «Freiheit ist Sklaverei.» Die Neusprache der europäischen Staats- und Regierungschefs folgt dem gleichen Muster. Der von den Märkten – also letztlich mitunter von den freien Bürgern – ausgeübte Zwang auf die Euro-Mitgliedsstaaten, ihre Staatshaushalte zu sanieren, wird von den europäischen Staats- und Regierungschefs als Sklaverei empfunden, die zu bekämpfen ist. Sie stellen die Entwicklungen an den Finanzmärkten als Ergebnisse wilder Spekulation von verantwortungslosen, geldgierigen Menschen dar: Währungsspekulation, die unbedingt unterbunden werden muss. Es geht folgerichtig nicht um die Freiheit der Bürger Europas, sondern um die erweiterten Handlungsmöglichkeiten von Regierungen. Denn Freiheit der Bürger ist Sklaverei für die Regierungen. Deshalb muss man dem Bürger einreden, dass seine Freiheit, vor allem die auf den Finanzmärkten, Sklaverei sei, eine Sklaverei, von der die europäischen Staats- und Regierungschefs Europa befreien müssen. Gutes Geld statt Schneeballsystem Dass unsere Staats- und Regierungschefs dabei nicht die Lösung der Probleme, die die weltweite Finanzkrise offengelegt hat, im Auge haben, kommt erschwerend hinzu. Sie ignorieren die Probleme unseres staatlichen Geldsystems, in dem Geld und Kredit aus dem Nichts geschaffen werden. Dieses Geldsystem stellt ein Schneeballsystem aus ungedeckten, zukünftigen Zahlungsverpflichtungen dar, das wie jedes Schneeballsystem früher oder später in sich zusammenbrechen wird. Die Alternative zur derzeitigen staatsmonopolistischen Geldordnung besteht in einer marktwirtschaftlichen Geldordnung und der Zulassung eines allumfassenden Währungswettbewerbs. In einer marktwirtschaftlichen Geldordnung hätte jeder Bürger die Freiheit, zwischen staatlichem und anderem Geld zu wählen. Dazu müsste das staatliche Geldmonopol fallen und zugelassen werden, dass sich in dezentralen Entdeckungsverfahren parallel zum staatlichen Zahlungsmittel alternative Währungen entwickeln können. Da niemand freiwillig schlechtes Geld hält, also Geld, das den Präferenzen des einzelnen widerspricht, wird der sich entwickelnde Währungswettbewerb die privaten, aber auch die staatlichen Geldproduzenten dazu anhalten, besseres Geld zu produzieren. Die Produktion von schlechtem Geld und die Verschlechterung von gutem Geld werden von den Menschen aufgrund ihrer freien Wahlmöglichkeit zwischen unterscheidbaren privaten und staatlichen Währungen, also aufgrund ihrer Konsumentenfreiheit, sofort durch Abwanderung zu konkurrierendem Geld bestraft werden. Der Staat müsste bei gesunkener Kaufkraft seiner Währung – zum Beispiel aufgrund einer zu hohen Staatsverschuldung – zur Deckung seiner Ausgaben entweder die Steuern erhöhen, Ausgaben senken oder neue Kredite aufnehmen. Sollten diese Darlehen in der eigenen staatlichen Währung aufgenommen werden und aus purer Geldschöpfung bestehen, würden erneut die private Nachfrage nach der Währung und somit ihr Wert sinken. Dieser Entwicklung könnte dann nur durch höhere Zinsen für das staatliche Geld entgegengewirkt werden, weil die Investoren sich das erhöhte Risiko zahlen lassen oder eben in eine andere Währung wechseln würden. Höhere Zinsen verteuern jedoch gleichzeitig die Rückzahlung der Kredite für den Staat. Ein Staat würde folglich durch die Zulassung von konkurrierenden Privatwährungen und eines allumfassenden Währungswettbewerbs gezwungen, eine nachhaltigere Haushaltspolitik zu verfolgen. Die Zulassung von konkurrierenden Privatwährungen und die Zulassung eines Wettbewerbs unterschiedlicher Währungen wären deshalb eine weit wirksamere Schuldenbremse, als es heute die Grenzwerte des europäischen Stabilitätspaktes sind. Anstatt mehr Währungswettbewerb zu ermöglichen, diskreditieren die europäischen Staats- und Regierungschefs jedoch den ohnehin höchst eingeschränkten und durch das staatliche Geldmonopol beherrschten Wettbewerb auf den Finanzmärkten als gemeinwohlgefährdende Spekulation und betreiben den Einstieg in die monetäre Planwirtschaft und die europaweite Transfer-union. Sie gefährden durch ihre Orwellsche Neusprache und durch ihre kollektiven Rechtsbrüche das vereinte Europa und den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat. Aber wie so häufig in der Geschichte sind nicht die Regierungen schuld, sondern Spekulanten und Bürger. von Frank Schäffler und Norbert F. Tofall -- Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Schweizer Monat
Währungenverfasst am 06.06.2011 von Dr. Karl SchadeViele Verteidiger der diversen Rettungsschirme verwechseln die segensreiche politisch-wirtschaftliche Europäische Union mit absurden Versuchen, die Geltung von Marktgesetzen außer Kraft zu setzen. Sie, verehrter Herr Schäffler, setzen diesem Kampf gegen Windmühlenflügel innerhalb des Bundestages den am deutlichsten vernehmbaren Widerstand entgegen. Bitte werden Sie nicht müde darin, Ihre Fraktionskollegen noch stärker von Ihrer Position zu überzeugen. Das wird nur gelingen, wenn Sie auf allzu radikale Überlegungen verzichten. So wird der Gedanke an konkurrierende nichtstaatliche Währungen nach der Erfahrung der Finanzkrise mit ihrem extrem schlechten privatwirtschaftlich geschöpften Geld (Kreditverbriefungen, Derivate) kaum überzeugen können. Die Dynamik nationaler Währungen ist vergleichsweise einfach: Wenn eine Volkswirtschaft international nicht wettbewerbsfähig ist, wird ihre Währung so lange schwächer, bis ihre Exporte wieder mithalten können und Importe zu teuer werden, um mit der heimischen Wirtschaft zu konkurrieren. Diese heilsame Marktdynamik hat der Euro für Griechenland, Portugal etc. außer Kraft gesetzt. Darüber hinaus gab es noch billige Kredite. Nun gibt es geschwächte Volkswirtschaften und uneinbringliche Schulden. Die Alternative zu dem Szenario Insolvenz in Euro und Wiedereinführung nationaler Weichwährungen ist das, was wir bei der Integration der neuen Bundesländer in die hocheffiziente Wirtschaftsstruktur der Bundesrepublik Deutschland seit mehr als 20 Jahren erleben. Ein Länderfinanzausgleich mag in Deutschland gerade noch akzeptiert werden, da er hilft, regionale Spätfolgen des gemeinsam geführten Krieges zu heilen. Für dauerhafte Transfers in die europäische Peripherie gibt es keinen vergleichbaren, von den Europäern akzeptierten Grund. In Ermangelung solcher Akzeptanz kann der Euro zum Sargnagel der EU werden. Der Weg in die dauerhafte Transferunion, an dessen Beginn wir möglicherweise stehen, hätte zumindest drei absehbare Auswirkungen:
Währungswettbewerb praktisch: Bitcoinverfasst am 08.06.2011 von DanielWer nicht auf das unwahrscheinliche Ereignis warten möchte, daß der Staat sein Geldmonopol aufgibt, kann schon jetzt die vielversprechende digitale Alternativwährung Bitcoin unterstützen. Bitcoin basiert auf einer dezentralen Peer-to-Peer-Struktur, kennt keine Zentralbank, benötigt keinen Vermittler von Zahlungsvorgängen und gewährt dem Nutzer ein hohes Maß an Anonymität und Sicherheit. Besonders hervorzuheben ist der Umstand, daß diese Währung nicht inflationiert werden kann, da bereits heute die maximale Anzahl an Geldeinheiten im System festgeschrieben ist. Weitere Informationen: http://www.bitcoin.org/ (englisch)
Ihre persönl. Erklärung v. 10.06.11verfasst am 14.06.2011 von JensVetterSehr geehrter Herr Schäffler, ich kann Ihnen und Ihren beiden Mitstreitern nur gratulieren zu Ihrem so offen vorgetragenen und gegen den planwirtschaftlichen Mainstreem gerichtetem Statement. Ich bin sehr gespannt auf den Ausgang der Verfassungsklage in der Angelegenheit und dieser wird viel darüber aussagen, wie unabhängig die dritte Macht im Staat tatsächlich ist. Im Übrigen wäre es aus meiner Sicht geradezu eine Selbstverständlichkeit, wenn sich die FDP an die Spitze einer für die Freiheit und die soziale Marktwirtschaft eintretenden Bewegung stellt und eben nicht im blinden Gehorsam die von Genossin Merkel erwünschten Gesetzesvorlagen abnickt. Irgendwann würde der Wähler das dann auch entsprechend honorieren, denn die Realität wird uns einholen. Ich wünsche Ihnen weiter viel Energie und Selbstmotivation und hoffe, dass sich wenigstens in Ihrer Partei noch ein paar liberale "Freigeister" als Mitstreiter finden lassen. Beste Grüße
Orwellsche EUverfasst am 14.06.2011 von Dieter StümbkeEinen Satz meines Vorredners kann ich nur wiederholen: "Im Übrigen wäre es aus meiner Sicht geradezu eine Selbstverständlichkeit, wenn sich die FDP an die Spitze einer für die Freiheit und die soziale Marktwirtschaft eintretenden Bewegung stellt und eben nicht im blinden Gehorsam die von Genossin Merkel erwünschten Gesetzesvorlagen abnickt."
Sehr geehrter Herrverfasst am 15.06.2011 von einem GastSehr geehrter Herr Schaeffler,
Danke für Ihre Arbeit. Sieverfasst am 21.06.2011 von einem GastDanke für Ihre Arbeit. Sie sind einer der ganz Wenigen im deutschen BT, der eine große Menge von Bürgern vertritt, die bzgl. der Europolitik, des EU-Demokratiedefizits und der völlig überdrehten Rettungsschirme sonst keine politische Repräsentanz findet. Diese Ignoranz werden die etablierten Parteien (auch die FDP) noch sehr bereuen. Der Volkszorn ist erheblich. Noch nie war die Zeit so reif für eine neue Partei, die Ihrer Meinung gebündelt in Wählerstimmen umsetzt. Und die wird es geben! Trotzdem: Machen Sie bitte weiter als einer der wenigen Aufrechten im deutschen Bundestag. Gruß
Rettungsschirme 2. Teilverfasst am 13.08.2011 von einem GastSehr geehrter Herr Schäffler, Sie sind einer der wenigen Aufrechten im Deutschen Bundestag. Machen Sie bitte weiter so und stimmen auf keinen Fall dem zweiten Rettungsschirm bzw. dem Einstieg der Transferunion zu. Die Zeit wäre reif für die FDP aus der Koalition auszutreten. Der Volkszorn wird den Volksvertretern noch zu schaffen machen, da bin ich mir sicher. mfg Kirchgässner
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