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Neue Geldordnung statt verhängnisvoller Zinspolitik

Gastbeitrag für die Börsenzeitung

30.01.2009

Am 15. Januar 2009 verkündete die Europäische Zentralbank erneut eine Zinssenkung, um die Konjunktur und das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum anzuregen. Den Geschäftsbanken soll es durch billigere Refinanzierungsmöglichkeiten bei den Zentralbanken erleichtert werden, Kredite zu vergeben. Aber sind niedrige Zinsen wirklich gut? Fördern niedrige Zinsen wirklich nachhaltig das Wirtschaftswachstum?

Dass der Strom der Güter und Leistungen durch staatliche Preisfestsetzungen in seiner Struktur verzerrt wird, ist heute fast schon eine Binsenweisheit. Unerklärlich bleibt deshalb, weshalb Festsetzungen des Zinses durch die Zentralbanken selten von Ökonomen in der Öffentlichkeit kritisiert werden. Denn gerade diese staatlichen Eingriffe in das Preisgefüge für Kredite haben noch größere, eben gesamtwirtschaftliche Verzerrungen des Stromes der Güter und Leistungen zur Folge als Eingriffe in die Preise von einzelnen Gütern.

Ein Zinssatz, der Sparen und Investieren zur Übereinstimmung bringt, den Geldwert stabil hält und die Volkswirtschaft auf einem Gleichgewichtspfad hält, ist der natürliche Zins. Steigt der Geldzins, also der Zins für Kredite, über den natürlichen Zins, so übersteigt das Sparen die Investitionen und die Wirtschaftsaktivität geht auf breiter Front bei einem sinkenden Preisniveau zurück. Liegt der Geldzins unter dem natürlichen Zins, dann übersteigt die Investitionstätigkeit die Spartätigkeit, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt über die Produktionskapazität und die Volkswirtschaft wird von ihrem Gleichgewichtspfad gedrückt. Zu niedrige relative Preise für Kredite führen deshalb zu einem falschen Produktionsaufbau, also zu strukturellen Fehlentwicklungen und Fehlinvestitionen oder kurz zu Investitionsblasen. Denn die künstlich niedrigen Zinsen führen dazu, dass auch Investitionen rentabel erscheinen, die sich unter dem natürlichen Zins nicht rentieren. Kurzfristig können durch diese Zinspolitik der Zentralbanken durchaus befristet Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten werden. Mittel- und langfristig wird sich jedoch herausstellen, dass die "scheinbar rentablen" Investitionen unrentabel sind. Die Arbeitslosigkeit wird aufgrund der unterlassenen Anpassungsmaßnahmen, die der natürliche Zins erzwungen hätte, die aber aufgrund des künstlich niedrigen Zinses unterblieben sind, in noch größerem Maße ansteigen. Und das Wirtschaftswachstum wird aufgrund der unterlassenen Anpassungsmaßnahmen noch mehr sinken. Friedrich August von Hayek, der für seine konjunkturpolitischen Analysen aus den 1920er und 30er Jahren 1974 den Nobelpreis erhalten hat, fasste diese Tragödie in die Worte: "Brot für heute und Hunger für morgen." Hayek, der die Weltfinanzkrise von 1929 vorausgesehen hatte, stellte 1928 außerdem fest, dass die amerikanische Zentralbank FED während der 1920er Jahre mit Absicht eine massive Kreditexpansionspolitik zur Förderung des Wirtschaftswachstums durchführte.

Wenn man nun bedenkt, dass die heutige Finanz- und Wirtschaftskrise durch die Immobilienblase in den USA, die seit dem Sommer 2007 geplatzt ist, ebenfalls durch eine derartige Kreditexpansionspolitik der FED seit dem Jahr 2001 entstanden ist, dann wundert man sich, wieso nun ausgerechnet das Heilmittel für unsere derzeitige Krise in einer derartigen Kreditexpansionspolitik, die über künstlich niedrige Zinsen angefeuert wird, liegen soll. Denn die Niedrig-Zins-Politik, wie sie derzeit weltweit von den Zentralbanken betrieben wird und die die Kreditvergabe ausweiten soll, begünstigt -– und in dieser gefährlichen Situation befinden wir uns heute – das Entstehen von neuen Investitionsblasen. Wollen wir wirklich die alten Fehler wiederholen?

Aber selbst wenn die Zentralbanken das Ziel haben sollten - doch hiervon sind wir heute sehr weit entfernt - die von ihnen maßgeblich beeinflussten Zinsen mit dem natürlichen Zins zur Deckung zu bringen, sind die hierzu notwendigen Aussagen über die Höhe des natürlichen Zinses aus erkenntnistheoretischen Gründen unmöglich und stellen eine gefährliche Anmaßung von Wissen dar. Der natürliche Zins spiegelt die individuellen Präferenzen für individuelles Sparen und Investieren von Millionen und unter den Bedingungen der Globalisierung von Millarden von einzelnen Menschen. Niemand kann diese individuellen Präferenzen kennen, aggregieren und daraus ex ante den natürlichen Zins ableiten. Wir brauchen deshalb eine Geldordnung, in der sich die Zentralbanken jeglicher Zinspolitik enthalten, so dass der natürliche Zins seine die Konjunktur und das Wachstum stabilisierende Wirkung entfalten kann.

Eine derartige Geldordnung ist jedoch nur realisierbar, wenn sowohl den Zentralbanken als auch den privaten Geschäftsbanken die Möglichkeit genommen wird, Geld- und Kreditschöpfung zu betreiben, d. h. die Geldmenge muss konstant gehalten werden, was in früheren Zeiten weitgehend durch den Goldstandard gewährleistet wurde. Da eine Wiedereinführung des Goldstandards jedoch mit enormen Problemen verbunden ist, sollten unsere heutigen Überlegungen auf die Zulassung von konkurrierenden Privatwährungen, die durch Vermögen gedeckt sind, gerichtet werden, wie Friedrich August von Hayek es bereits 1977 in seiner Schrift "Entnationalisierung des Geldes" gefordert hatte.

Zur Lösung unserer derzeitigen Probleme müssen wir also die Rolle der Zentralbanken und unser derzeitiges Geldsystem grundsätzlich hinterfragen. Und wir müssen in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür schaffen, dass künstlich niedrige Zinsen kein nachhaltiges Wachstum ermöglichen, sondern die Krise verschärfen. Schließlich hat die Niedrig-Zins-Politik der FED die Immobilienblase in den USA erzeugt und dadurch die Weltfinanzkrise verursacht. Die Schäden, die für die Marktwirtschaft daraus insgesamt folgen, sind immens. Nur Zentralbanken haben neben den Regierungen die Macht, der Marktwirtschaft derartige Schäden zuzufügen.

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ZDF "heute journal"

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